Alt – Krank – Behindert (2)!

Impressionen aus meinem Leben

(…) Ich erinnere mich: Zurzeit war ich schon fünfzehn Jahre Christ! Aber dann der Tumor? – diese unerwartete Offenbarung des Arztes durchdrang mein ganzes Sein. Mit der Einweisung ins Krankenhaus verlies ich die Radiologie und kontemplierte: Nein, ich fahre nicht nach Hause, sondern erfülle mir noch einen letzten Wunsch. Und kaufte die teuerste Flasche Kognak die ich bekommen konnte. Mit ihr fuhr ich auf die Anhöhe unseres Dorfes…

Mittlerweile saß ich auf meiner Lieblingsbank Bank mit Blick auf das Dorfpanorama, und nahm einen kräftigen Schluck. Das ölige Etwas wirkte auf mein Gemüt wohltuend. Erinnerungen wurden wach, so auch die, der gnadenvollen und wunderbaren Verheißungen Jesu Christi. Und ich fragte: Herr, muss ich wirklich Angst haben, Du bist doch mein Heiland und Erlöser? …

„Sie müssen operiert werden, sofort, ihr Hirn könnte augenblicklich platzen. Es ist entzündet und befindet sich in einem sehr kritischen Zustand!“ – äffte ich den Arzt anklagend halblaut nach.

„So! Also habe ich keine andere Alternative!“ – Wiederum nahm ich einen kräftigen Schluck und spürte, wie alles in mir „sich vernebelt“!

„Hahaha, ich habe es Dir ja gesagt, das mit dem Jesus…“ – meldete sich mein altes ICH.

„Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind.“ – erwiderte ich.

„Nein! auch ich habe einst von Reichtum und Glück als Wissenschaftler geträumt – doch der Traum ist lang begraben. Denn den, den ich hier sitzen sehe, das ist der alte Joachim nicht mehr. Der Abschied von der Heimat nahm, um in Freiheit die Welt zu erobern. Und der sich anschließend vermaß in „süßer Romantik“, ein Nachfolger Jesu zu werden – O, der Einfall war kindisch, aber göttlich schön! Aber vorbei sind diese Träume – dumm für dich gelaufen, vorbei, denn jetzt sitzt du endgültig hier und lamentierst!“

„So, es wären nur Träume gewesen, denkst du?“ – meinte ich.

„Ja!“

„Sodann soll es in Gottes Namen geschehen, ich werde mich operieren lassen! Ich gehöre dem Leib Christi an, also muss ich nichts fürchten, nur fest daran glauben, so, dass seine Verheißungen für mich geltend werden.“

„Ja, solche Sachen gehören in die Gemeinde! Die Gemeinde hat auch das Gute, dass man jeden Augenblick fortgehen kann. Hahaha!“

„Satan, gehe weg von mir!“

Ich schaute auf die Uhr. Erst Viertel auf zehn? Mir kommt vor, ich sitz‘ schon drei Stunden hier. Ich bin’s halt nicht gewohnt. Ich muss nach Hause, um mich vorzubereiten. Aber Herr, in meiner gegenwärtigen Einsamkeit würde ich jetzt alle menschlichen Schranken durchbrechen und dem Notgedrungenen entfliehen. Aber du gibst mir Zuversicht, indem Du sagst: »Ich werde dich behüten«.

Herr, weshalb das mir! Warum immerfort ich? Es schreit in den Tiefen meiner Seele. Zugegeben, es sind Füllworte meiner bis dato gestressten Gefühle, aber sie jetzt zu zergliedern, ist mir zurzeit auch fern. Dennoch, Nichts hat mich bisher derart betroffen gemacht: Ein Leben fressender Fremdling in meinem Körper, der sich durch die Gehirnzellen frisst! Brrr!

Der jetzt alle meine Träume auf einen Handstreich zunichtemacht. Herr! es schreit in mir, geräuschlos, leidvoll und am Ende doch laut aus mir heraus. Ich bin entrüstet. – Herr, ich habe die Flasche halbleer, den Rest werde ich auf deinen Sieg nach der Operation genießen! Gott, mein Herr, in diesem Glauben, werde ich mich jetzt der Kunst der Ärzte anvertrauen. (…)

Veröffentlicht von Joachim Wydra

Geboren 28 November 1939 in Gleiwitz. Naturwissenschaftliches-Studium an der Universität Kaiserslautern 1971-1975.

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